Edgar Göll:
Rezension für DAS ARGUMENT
Jeremy Rifkin:
Frankfurt/M., New York: Campus Verlag 2000, ISBN, 3-593-36541-3, Geb., 424 S., DM 49,80
Die den Kapitalismus kennzeichnende Dynamik hat seit der Krise seiner fordistischen Periode ein neues Ausmaß erreicht, das durch technologisch-organisatorische Innovationen und neoliberale Politik weiter gesteigert wird. Die negativen oder zumindest die riskanten Folgen dieser Tendenzen werden mittlerweile in starkem Maße gerade auch in den sogenannten Mittelschichten deutlich wahrgenommen und - wenn auch in spezifisch beschränkten Formen – von AutorInnen aus diesen bürgerlich-liberalen Gesellschaftskreisen teilweise vehement kritisiert. Und so werden beispielsweise auch Phänomene wie der Trend zur Informations- oder Wissensgesellschaft bzw. die Globalisierungsschübe thematisiert. Auch der einflussreiche populärwissenschaftliche Zeitkritiker, Jeremy Rifkin, nimmt in seinen Publikationen immer wieder Stellung zu aktuellen Entwicklungen. Speziell mit seinem älteren Buch über die Zukunft der Arbeit (dt.: "Das Ende der Arbeit") beeinflusst er diese immer noch laufende Debatte. Er ist Gründer und Vorsitzender der "Foundation on Economic Trends" in Washington,DC, berät die US-Regierung und lehrt an der Wharton School.
In seinem aktuellen Buch skizziert und prognostiziert Rifkin einen bereits in Gang befindlichen Abschied vom fast zweihundert Jahre währenden Industriezeitalter. Seiner Einschätzung nach erleben wir heute den Übergang in eine neue Epoche, die er als "kulturellen Kapitalismus" und in manchen Passagen auch als "Hyperkapitalismus" bezeichnet. Während die Phase der kapitalistischen Industrie von Unternehmensgiganten wie Exxon, General Motors oder Toyota dominiert worden sei, wären Konzerne wie Time-Warner, Disney, Microsoft, Bertelsmann und Sony die dominierenden Akteure des neuen Kapitalismus. Das zentrale Charakteristikum des kommenden "kulturellen Kapitalismus" wird darin bestehen, dass "Kultur die wichtigste kommerzielle Ressource, Zeit und Aufmerksamkeit der wertvollste Besitz und das Leben eines jeden Menschen zum ultimativen Markt werden." (S.19) Innerhalb der sich dadurch herausbildenden Gesellschaften wird "Access" (deutsche Begriffe: Zugang, Zutritt, Zugriff), das heißt der Zugang zu den entstehenden Netzwerken, Informationen und Dienstleistungen, zum bedeutsamsten Element gehören.
Die künftige Wirtschaft wird nach Einschätzung Rifkins unter anderem durch drei Wesensmerkmale gekennzeichnet sein. Zum einen findet eine zunehmende Entmaterialisierung und Gewichtslosigkeit statt, so dass die Ressourceneffizienz sehr erhöht werden wird. Zum zweiten wird sich eine totale Kommerzialisierung kultureller und intimer Lebensbereiche durchsetzen; Paradebeispiele hierfür zeichnen sich in den Wirtschaftssektoren Tourismus und Freizeit bereits heute ab. Zum dritten schließlich wird es zu einer neuen Konzentration von Macht kommen: "Die Kontrolle über immaterielle Vermögenswerte und geistiges Eigentum in seinen verschiedenen Formen gibt den transnationalen Konzernen alle Voraussetzungen dafür, mächtige Netzwerke von Anbietern und Nutzern aufbauen und mit völlig neuen Methoden noch größere ökonomische Macht konzentrieren zu können." (S.98) Gerade wegen der zentralen Bedeutung von Zugangs- und Zugriffsmöglichkeiten - „access“ - wird diese Macht äußerst problematisch werden. Nach Aussagen verschiedener von Rifkin zitierter Quellen besteht nämlich eine durchaus realistische Gefahr darin, "dass die Mediengiganten in wenigen Jahren wahrscheinlich die wichtigsten Portale kontrollieren und als Pförtner zum gesamten Cyberspace fungieren werden." (S.241)
Die weitere Durchdringung der Gesellschaft mit der ökonomischen Logik und den damit verbundenen Zwängen, Selektionen und Gefahren wird nach Rifkins Einschätzung zu immensen Veränderungen für die Menschen sowohl in der Arbeitswelt, als auch in allen lebensweltlichen Bereichen führen. "Heute, da die Marketingperspektive die Oberhand gewinnt und die Gestaltung von Beziehungen zu Konsumenten das zentrale Geschäft der Unternehmen wird, hat die Kontrolle über die Kunden dieselbe Bedeutung und Dringlichkeit wie die Kontrolle über die Arbeiter zu der Zeit, als die Produktionsperspektive vorherrschte." (S.139) Kritik und Gegenmacht haben es dann voraussichtlich zunehmend schwerer, denn "gegenkulturelle Trends sind für Marketingleute zu besonders attraktiven Objekten der Ausbeutung geworden." (S.233) Hiermit thematisiert Rifkin eine ganze Reihe kritischer Entwicklungen und Mechanismen, die auch von linken AutorInnen häufig beschrieben worden sind. Rifkin benennt also zahlreiche der problematischen Risiken dieser Entwicklungen. Zugleich zeigt er aber auch diejenigen Aspekte auf, die seines Erachtens als positive Chancen in den neuen Entwicklungen stecken (z.B. Dematerialisierung).
Die von ihm skizzierten Auswege und Empfehlungen, die er im Kapitel „Eine neue Balance zwischen Kultur und Kapitalismus“ formuliert, fallen in Anbetracht seiner zum Teil recht düsteren Prognose äußerst dürftig aus. Von notwendigen Strukturreformen, einem erforderlichen Bruch mit der Profitlogik bzw. der neoliberalen Hegemonie ist bei ihm nichts zu finden. Aber dennoch kann man konstruktive Reformvorschläge und Anregungen finden. So plädiert er für eine Wiederbelebung von Kultur als Ausdrucks- und Integrationsmittel von Gesellschaften. Derzeit allerdings droht sie durch die globale Kommerzialisierung beispielsweise im Bereich der Musik („Weltmusik“) ihre Funktion als Ausdrucksmittel lokaler und regionaler Gemeinschaften zu verlieren (er verweist in diesem Zusammenhang auf den Weltkulturbericht der UNESCO von 1998). In diesem Zusammenhang fordert Rifkin einen neuen Stil in Bildung und Erziehung: weg von der ausschließlichen Fixierung auf marktorientierte und kommerziell verwertbare Qualifikationen, hin zu einer „zivilen Erziehung“ mit dem Ziel, „die Identität der Schüler zu vertiefen, damit sie eine Beziehung zur Kultur entwickeln können. Erziehung sollte soziales Vertrauen und Empathie pflegen und Nähe zu anderen fördern - zu nahen und fremden - und den Lernenden die wichtige Rolle bewusst machen, die die Kultur für die Erhaltung des zivilen Lebens spielt.“ (S.343). Des weiteren plädiert er für eine Politisierung des Dritten Sektors, was wohl eher auf eine Kultivierung hinausläuft und damit verbunden für eine Ablösung des traditionellen Arbeitsethos durch einen „Spieleethos“ (vom homo faber zum homo ludens).
Besonders interessant ist seine Empfehlung einer Neudefinition von Zugangsbedingungen bzw. einem "Recht auf Zugang". Er verweist auf bereits existierende „Ansätze zu einer neuen Theorie der Zugangsbedingungen“ und gibt aber lediglich die Konzeption von Crawford MacPherson (University of Toronto) wieder. Nach dessen Auffassung ist der heute dominierende Eigentumsbegriff im 17. Jahrhundert aufgekommen und besteht vor allem in dem Recht, andere auszuschließen. Allerdings war in anderen Gesellschaftsformationen bzw. in anderen Kulturen „Eigentum historisch auch als Recht definiert, vom Gebrauch oder Genuss von bestimmten Dingen nicht ausgeschlossen werdfen zu können. Deshalb gab es eine zweite Kategorie des Eigentums, das öffentliche oder Gemeineigentum.“ Daran anknüpfend wird ein Eigentumsbegriff gefordert, der um das „Recht, nicht vom Zugang ausgeschlossen zu werden,“ ergänzt werden müßte. (S.318f.) Die Gewährleistung des Zugangs z.B. zu Netzwerken sei durch den Staat zu gewährleisten, wie er es zum Beispiel in Bezug auf Gleichstellungspolitik (in den USA „affirmative action programs“ seit den 60er Jahren) betrieben habe.
Etwas enttäuschend ist, dass Rifkin das zunehmend weltweit Anerkennung findende Leitbild der "nachhaltigen Entwicklung" trotz zahlreicher Bezugspunkte an keiner Stelle erwähnt. Dennoch erweist er sich einmal mehr als fähiger Popularisierer von zeitkritischen Expertendiskursen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das stellt eine durchaus wichtige Transferleistung dar, wenn sie auch in seinem Fall mit dem Defizit behaftet ist, dass linke oder sozialistische Konzeptionen und Diskurse nicht berücksichtigt werden. Dieser Befund sollte aber auch als Anregung dienen, dass linke AutorInnen selbst die Popularisierung ihrer Konzepte und Vorschläge betreiben - mit dem Ziel, der wachsenden Entradikalisierung und dem Trend in die ominöse "politische Mitte" wirksamer als bisher entgegenzutreten und konkrete Utopien aufzuzeigen, die mobilisierungsfähig sind. Anlässe (bzw. Befürchtungen) dazu werden in Rifkins Buch dargestellt.
Edgar Göll, Berlin