Arbeitsgruppe: Konjunktur
und Finanzen: Die Rolle des „virtuellen Kapitals“
Kürzlich hat die britische Zeitschrift The
Economist bezweifelt, die Weltwirtschaft werde schnell aus der
gegenwärtigen Rezession wieder herausfinden. Zu hoch sei inzwischen nicht nur
die staatliche, sondern auch die private Verschuldung von Unternehmen und
Haushalten. Diese Verschuldung hat in den USA, aber nicht nur dort, historische
Höchstmarken erreicht.
Wie so oft zuvor in Krisenzeiten, wird nun wieder die Frage des
Zusammenhangs zwischen der Akkumulation von produktivem Kapital und Geldkapital
zur Debatte gestellt. Es ist offenkundig, dass in den vergangenen Jahrzehnten
die Geldvermögen rasant anstiegen, während die produktive Akkumulation und
daher auch das Wirtschaftswachstum, folglich auch die Beschäftigung und die
Einkommen, weit zurück blieben. Ein Teil der Geldvermögenszunahmen hatte ihren
Ursprung in der tatsächlichen Vermehrung des produktiven Kapitals. Ein viel
größerer Teil entstand jedoch ausschließlich durch Preisinflation von Aktien,
während der größte Teil auf die Zunahme des Umlaufs einer kaum noch zu
durchschauenden Masse an Rechtstiteln zurückgeht, die Ansprüche auf zukünftige
Produktion bzw. Wertschaffung darstellen. Also auf die Bildung von „virtuellem
Kapital“.
Im Mittelpunkt dieses Kreislaufs des virtuellen Kapitals stehen die Banken
und die institutionellen Anleger. Ihnen sind durch die Globalisierung des
Finanzsystems spekulative Gewinnmöglichkeiten eröffnet worden, die sie zur
Absorption einer riesigen Masse an Geldkapital nutzen. Nur ein Teil davon wurde
produktiv genutzt, während der größte Teil der unproduktiven Verwendung
zugeführt wurde. Das hatte einerseits den positiven Effekt, die Weltkonjunktur
voran zu treiben, da hierdurch die globale Nachfrage erhöht wurde. Auf der
anderen Seite stieg aber die Verschuldung, d.h. die Masse an
Zahlungsverpflichtungen, die nun aus den laufenden und den zukünftigen
Einkommen geleistet werden müssen. Also Zahlungen, die der globalen Nachfrage
jetzt entzogen werden.
Da sich insgesamt die konjunkturelle Lage verschlechtert, gehen die
Einkommen zurück, auch die der hoch verschuldeten Unternehmen und privaten
Haushalte, vom Rückgang der staatlichen Steuereinnahmen nicht zu sprechen.
Viele der Schuldner drohen zahlungsunfähig zu werden. Auch Megakonzerne könnten
in Finanzierungsschwierigkeiten geraten, zumal mehr als nur einige wenige sich
in ihrem globalen Expansionsprozess durch Fusionen und Übernahmen hoch
verschuldet haben. Ebenfalls können
viele Versicherungs-, Renten- sowie andere Zahlungsansprüche wegen der
zunehmenden Verluste der jeweiligen Fonds und Investmentgesellschaften verloren
gehen. Ein große Teil des durch die Börsenkrise schon geschmälerten
Geldvermögens könnte sich in Luft auflösen.
In dieser Situation wird das globale Finanzsystem zunehmend instabiler, wie
das von Hyman Minsky in vielen seiner Arbeiten beschrieben wurde. Immer mehr
muss es sich auf die Refinanzierung fälliger Schulden konzentrieren und kann
selbst das bisherige relativ niedrige Finanzierungsniveau produktiver
Investitionen nicht mehr aufrechterhalten. Vielen produktiven Tätigkeiten droht
der Kredithahn zugedreht zu werden. Wir hätten es mit einer sich ausbreitenden
Finanzkrise zu tun. An einen nachhaltigen Wiederaufschwung der Börsen ist nicht
zu denken. Neue konjunkturelle Antriebskräfte sind kaum zu orten.
Wahrscheinlich ist statt dessen, dass die gegenwärtigen Rezessionstendenzen
langanhaltender Natur sind.
In der Arbeitsgruppe können diese Zusammenhänge und alle von den
Teilnehmern zur Diskussion gestellten Fragestellungen erörtert werden.