Arbeitsgruppe: Konjunktur und Finanzen: Die Rolle des „virtuellen Kapitals“

Alexander Schubert

 

Kürzlich hat die britische Zeitschrift The Economist bezweifelt, die Weltwirtschaft werde schnell aus der gegenwärtigen Rezession wieder herausfinden. Zu hoch sei inzwischen nicht nur die staatliche, sondern auch die private Verschuldung von Unternehmen und Haushalten. Diese Verschuldung hat in den USA, aber nicht nur dort, historische Höchstmarken erreicht.

 

Wie so oft zuvor in Krisenzeiten, wird nun wieder die Frage des Zusammenhangs zwischen der Akkumulation von produktivem Kapital und Geldkapital zur Debatte gestellt. Es ist offenkundig, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Geldvermögen rasant anstiegen, während die produktive Akkumulation und daher auch das Wirtschaftswachstum, folglich auch die Beschäftigung und die Einkommen, weit zurück blieben. Ein Teil der Geldvermögenszunahmen hatte ihren Ursprung in der tatsächlichen Vermehrung des produktiven Kapitals. Ein viel größerer Teil entstand jedoch ausschließlich durch Preisinflation von Aktien, während der größte Teil auf die Zunahme des Umlaufs einer kaum noch zu durchschauenden Masse an Rechtstiteln zurückgeht, die Ansprüche auf zukünftige Produktion bzw. Wertschaffung darstellen. Also auf die Bildung von „virtuellem Kapital“.

 

Im Mittelpunkt dieses Kreislaufs des virtuellen Kapitals stehen die Banken und die institutionellen Anleger. Ihnen sind durch die Globalisierung des Finanzsystems spekulative Gewinnmöglichkeiten eröffnet worden, die sie zur Absorption einer riesigen Masse an Geldkapital nutzen. Nur ein Teil davon wurde produktiv genutzt, während der größte Teil der unproduktiven Verwendung zugeführt wurde. Das hatte einerseits den positiven Effekt, die Weltkonjunktur voran zu treiben, da hierdurch die globale Nachfrage erhöht wurde. Auf der anderen Seite stieg aber die Verschuldung, d.h. die Masse an Zahlungsverpflichtungen, die nun aus den laufenden und den zukünftigen Einkommen geleistet werden müssen. Also Zahlungen, die der globalen Nachfrage jetzt entzogen werden.

 

Da sich insgesamt die konjunkturelle Lage verschlechtert, gehen die Einkommen zurück, auch die der hoch verschuldeten Unternehmen und privaten Haushalte, vom Rückgang der staatlichen Steuereinnahmen nicht zu sprechen. Viele der Schuldner drohen zahlungsunfähig zu werden. Auch Megakonzerne könnten in Finanzierungsschwierigkeiten geraten, zumal mehr als nur einige wenige sich in ihrem globalen Expansionsprozess durch Fusionen und Übernahmen hoch verschuldet haben.  Ebenfalls können viele Versicherungs-, Renten- sowie andere Zahlungsansprüche wegen der zunehmenden Verluste der jeweiligen Fonds und Investmentgesellschaften verloren gehen. Ein große Teil des durch die Börsenkrise schon geschmälerten Geldvermögens könnte sich in Luft auflösen.

 

In dieser Situation wird das globale Finanzsystem zunehmend instabiler, wie das von Hyman Minsky in vielen seiner Arbeiten beschrieben wurde. Immer mehr muss es sich auf die Refinanzierung fälliger Schulden konzentrieren und kann selbst das bisherige relativ niedrige Finanzierungsniveau produktiver Investitionen nicht mehr aufrechterhalten. Vielen produktiven Tätigkeiten droht der Kredithahn zugedreht zu werden. Wir hätten es mit einer sich ausbreitenden Finanzkrise zu tun. An einen nachhaltigen Wiederaufschwung der Börsen ist nicht zu denken. Neue konjunkturelle Antriebskräfte sind kaum zu orten. Wahrscheinlich ist statt dessen, dass die gegenwärtigen Rezessionstendenzen langanhaltender Natur sind.

 

In der Arbeitsgruppe können diese Zusammenhänge und alle von den Teilnehmern zur Diskussion gestellten Fragestellungen erörtert werden.