Frieder Otto Wolf
1.„Strukturelle Hegemonie" im späten Fordismus
Das alte „Volksuni-Paradigma" von 1981 (Haug 1985, 180ff.) stand unter dem Titel einer „strukturellen Hegemonie". Im Unterschied zu einer auf die Staatsmacht bezogenen „Partei" bezog sie sich auf das „Problem kultureller Hegemonie", in dessen Bezugsbereich die „Subjekte sich ... als Selbstzweck setzen".
Im Rückblick fällt auf, dass zwar das Moment der „Freiheit" innerhalb der „Unterordnung unter die Diktate einer Notwendigkeit" betont wird, auf deren Grundlage die „Volksuni ... als kulturelles Aktivierungsdispositiv" funktionieren soll. Aber zugleich werden als solche Subjekte direkt die „unterschiedlichen sozialen Bewegungen" (Volksuni-Programmbuch 1981) bzw. die „unterschiedlichen Gruppierungen und Bewegungen" (ebd.) angesprochen. Als solche „Bereiche oder genauer Bereichsgruppierungen" (Haug 1985, 181) werden etwa „Arbeit-Wissenschaft (konkret: Gewerkschafter - Wissenschaftler)" oder „andere Bewegungen, wie die der Frauen oder die ökologische und die Friedensbewegung" angesprochen. Besonders wichtig ist es, gegenüber parteipolitischen Führungsansprüchen „eine Autonomie ohne Umschweife" (ebd., 182) einzufordern. Denn die „Autonomieerfahrung" verändert „die beteiligten Gruppierungen nach innen" (ebd.). Das Ziel ist "eine strukturelle Hegemonie ohne Hegemon", in der an die Stelle eines Führungsanspruchs (vgl. Gollwitzer 1981, zit. n. Haug 1985, 183) des „Arbeiterklassenanspruchs als solchen" der „Brennpunkt der die Elemente verändernden Artikulation" entscheidend wird „für die Bildung einer neuen Politik" (ebd., 182), als „kultureller Typus der Volksunion von links" (ebd., 183): „Was die Mechanik des starren Fürsichselbstseins der einzelnen Kräfte überwindet, ist ihre produktive Anordnung, die entfesselnde Verknüpfung,... Die unterschiedlichen sozialen und kulturellen Bewegungen entzünden sich an den großen Problemen unserer Zeit." (ebd., 184).
Andererseits wird bereits auf die konkreten Individuen gezielt: „Als hegemoniale Struktur bewährt sich diese Anordnung, indem sie die Handlungsfähigkeit der Individuen erweitert."(ebd., 181) Die Individuen werden sogar als strategisch bedeutend begriffen: „Wie die Artikulation der Kräfte [zwischen den Bewegungen, FOW] entscheidend wird, so die 'innere' Mehrfachartikulation der Individuen [„z.B. Gewerkschafterin und Frau", FOW] in den einzelnen Gruppen" (ebd., 184), welche „die Verhältnisse aus einer sonst hoffnungslosen reduktionistischen Mechanik heraus" bringen soll." (ebd.).
In Auseinandersetzung mit Einwänden hat W.F. Haug die zugrundeliegende Konzeption 1985 noch einmal neu artikuliert. In thesenhafter Zusammenfassung ergibt dies die folgende Argumentationslinie:
a. Es geht in der Frage der Hegemonie nicht um bloße „Meinungsphänomene", sondern um „Handlungsfähigkeit" (Haug 1985, 192)
b. "Das Verknüpfungsmuster eines hegemonialen Feldes ohne Zentralmacht ist das Netzwerk." (ebd.)
c. „Die Entwicklung der Produktivkräfte im Übergang zur elektronisch-automatischen Produktionsweise mit ihrer Intellektualisierung der Produktionsarbeit (....) wird die Positionierung der Intellektuellen im Verhältnis zu den 'Nicht-Intellektuellen' weiter verändern." (ebd., 193)
d. „Um die unità nelle diversità, die Einheit in der Unterschiedenheit, denken und praktizieren zu können, ist eine nicht-reduktionistische Logik nötig." (ebd., 194)
e. Es ist wichtig, „zwischen der Entmächtigung einer Herrschaftsmacht, ..., und der auf Ausbeutung zielenden Unterdrückung der Volksmassen zu unterscheiden. Macht ist erstens nicht notwendig Herrschaftsmacht und kann zweitens auch Gegenmacht der Beherrschten sein." (ebd.)
f. „Die Überlegungen zur hegemonialen Struktur gehen eher in die Richtung eines Kreuzworträtsels, wo die Lösung des Problems - hier die Handlungsfähigkeit von unten - als Kreuzungsartikulation gesucht werden muss. (...) Schwächend wirkt nicht die 'Kreuzung' der Arbeiterlinie und der Frauenlinie, sondern der zwanghafte Anspruch, gegen alle Wirklichkeit, die Frauenlinie in der Arbeiterlinie zu repräsentieren." (ebd., 195)
In diesem Sinne formulierte schon das „Manifest der Volksuni" von 1980 als ihr zentrales Ziel: „Die Volksuni soll den Kräften der Arbeit, der Wissenschaft, der Kultur und der Umweltbewegung eine Möglichkeit bieten, sich mit ihren Problemen theoretisch auseinanderzusetzen." Und etwa: „Die verwissenschaftlichte Arbeit und die arbeitsorientierte Wissenschaft können hier einen Schritt aufeinander zu tun." Die 'neue Volksuni' von 1991 bezog sich einerseits auf das Auseinanderklaffen von „zwei Gesellschaften in diesem Einheitsstaat" und knüpft andererseits an das Paradigma der westberliner Volksuni an: „Hier soll Kommunikation zwischen sozialen Bewegungen stattfinden, die in der großen Politik keinen oder nur verzerrten Ausdruck finden und oft genug in ein linkes Ghetto eingeschlossen werden; hier sollen auch politische Richtungen miteinander sprechen können, zwischen denen es keine Zusammenarbeit in der Parteipolitik gibt. Hier soll kritische Theorie geschärft und 'soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen' geübt werden können. Nicht zuletzt geht es darum, Chancen zu schaffen, daß Solidarität und Elemente einer sinnvollen Lebensweise 'diesseits' des Konsumismus erfahrbar werden können."
2. Nach der 'paradoxen Wunscherfüllung' im neoliberalen Geschichtsbruch
Mit zwei strategischen 'Verschiebungen' sind im heutigen globalen Netzwerkkapitalismus die Ziele der spätfordistischen 'Volksuni' erfüllt. Zunächst diese Verschiebungen: Die 'Hegemonie ohne Hegemon' funktioniert auf weltgesellschaftlicher Ebene und nichtprimär im Feld einer Systemopposition und ihr Adressat sind die vielfältig verstreuten Individuen unmittelbar, jedenfalls nicht vermittelt über 'fordistische' Großorganisationen und Großbewegungen. Ansonsten sind auf der Linken die potenziellen Hegemone z.T. verschwunden (wie die SEW), z.T. außerhalb jeder denkbaren hegemonialen Perspektive (wie die DKP) oder explizit gegen derartige Führungsansprüche (wie die PDS), vor allem aber selbst als parlamentarische Staatsapparate kenntlich geworden (wie die SPD und die Grünen).
Wir sind im 'globalen paradoxalen Raum' einer Ideologie angekommen, in dem sich Herrschaft anscheinend spontan reproduziert. Und indem alle Versuche zum Aufbau von 'Gegenmacht' angesichts der unauffindbaren 'Zentralmacht' - trotz der historisch unerhörten Machtzusammenballung in den Händen einiger Weltkonzerne - ins Leere zu laufen scheinen. Die alten ideologischen Mächte sind selbst in den Strudel der neuen Verhältnisse gezogen, die ihnen durch 'Individualisierung' der Lebensweisen die Grundlage in der autoritären Folgebereitschaft der Individuen zu entziehen scheinen.
Aber die sich ausbreitenden Formen individueller Selbstorganisation und sogar Selbstdefinition verknüpfen sich nicht etwa spontan mit Befreiung und Aufklärung. Vielmehr wetteifern die in die neuen Arbeitsverhältnisse hineingezogenen Individuen miteinander im Selbstmanagement der Selbstausbeutung. Die neuen Schübe von Wissenschafts- und Technologieentwicklung betreiben statt Aufklärung die Erschließung neuer Dimensionen der Kapitalakkumulation - auch dies im Wesentlichen in Gestalt ausgeweiteter und z.T. neuen Formen unternehmerischer, marktvermittelter Selbstorganisation. Als größte Massen- und Jugendbewegung der Zeit beschränkt sich dem gemäß die 'love parade' auf die vernetzte Selbstfeier der eigenen Präsenz der Beteiligten.
Die neue Lage rechtfertigt die folgenden, im Hinblick auf ihre Vergleichbarkeit mit den Thesen Haugs zur 'alten Volksuni' formulierten Behauptungen:
a. Die gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse stützen sich nicht auf bloße Meinungen ansonsten 'passivierter' Menschen, sondern auf mit eigener Kompetenz und Kreativität ihrer TrägerInnen betriebene Handlungsformen.
b. Der neue Kapitalismus tritt als globales Netzwerk auf.
c. Die IuK-Technologie-basierte neue Arbeitswelt macht 'ArbeiterInnen' und 'Intellektuelle' gleichermaßen zu 'ArbeitskraftunerternehmerInnen, deren Abhängigkeit und Ausbeutung vom Kapital nicht mehr betrieblich, sondern gesellschaftlich, nicht mehr arbeitsrechtlich, sondern handelsrechtlich vermittelt sind.
d. Im 'paradoxalen Raum' der 'glokalen Ideologie' herrscht eine nicht-reduktionistische Logik, die allen Versuchen einer zentralisierenden 'Komplexitätsreduktion' widersteht, die aber auch Gegenmobiliserungen immer wieder ins Leere laufen lässt.
e. Die 'Unterdrückung des Volkes' teilt sich weltweit neu auf zwischen scheinbar 'entmächtigten' spontanen Formen der Selbstunterwerfung (symbolisch: 'big brother') und immer wichtiger werdenden Netzwerken der Kontrolle (z.B. Echelon, z.B. Abhörrechte) und der Repression (militärisch, polizeilich, im Strafvollzug).
f. Die Lösung des Kreuzworträtsels 'multipler Identitäten' wird beständig 'von oben' im Sinne einer Reproduktion der bestehenden Herrschaftsverhältnisse (Kapital, Patriarchat, Produktivismus) betrieben.
Bei Strafe des Untergangs müssen die selbst irreversibel pluralisierten Linke unter diesen radikal veränderten Bedingungen agieren lernen.
Die Volksuni kann dazu einen nicht unwichtigen Beitrag leisten, wenn sie
- die Ziele von Aufklärung und Befreiung ohne 'fordistische' Eierschalen ernsthaft neu zu bestimmen versucht und dafür,
- die wirklich konstituierten vielfältigen Bewegungsnetzwerke in eine Diskussion möglicher Zusammenhänge ziehen kann,
- einige relevante 'epistemische Gemeinschaften' kritischer WissenschaftlerInnen in ihre Arbeit hineinziehen kann,
- den vielfältig beanspruchten Individuen als solchen Perspektiven eines Erlernens des kompetenten intellektuellen Umgangs mit den neuen Verhältnissen bieten kann.
Zu diesem Zweck muss die InitiatorInnengruppe bewusst die Kompetenz aufbauen, einen solchen organisierten Lernprozess in der Größenordnung einer 'kritischen Masse', die sich an ihrer Arbeits- und Kommunikationsfähigkeit messen lässt, in Berlin als deutscher Hauptstadt zu verankern.
Der erste Schritt zu diesem Ziel besteht darin, es sich gemeinsam ernsthaft vorzunehmen und sich keine Illusionen darüber zu machen, wie weit wir noch von ihm - in fast allen Hinsichten - entfernt sind. Aber der allererste Schritt ist schon gemacht: nämlich sich über die zu lösenden Aufgaben klar zu werden.
1.6.2001